Betina und der traditionelle Holzbootsbau: Lebendiges Handwerk auf Murter 2026
- Redaktionsteam
- Aktivitäten , Dalmatien
- 30 Dec, 2025
Inhalt
Im Hafen von Betina liegen noch immer die Boote, die hier gebaut wurden – Gajetas, Leuts, Pasaras. Holzboote, von Hand gefertigt, nach Methoden, die sich seit Jahrhunderten kaum verändert haben. Betina auf der Insel Murter ist eines der letzten Zentren des traditionellen adriatischen Bootsbaus – ein Handwerk, das die UNESCO 2021 als immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt hat. Wer durch die engen Gassen zum Hafen hinuntergeht, spürt schnell, dass dieser Ort anders ist als die polierten Küstenorte ringsum. Hier riecht es nach Harz und Salzwasser, nicht nach Sonnencreme und Cocktails.

Die Geschichte reicht zurück bis ins 16. Jahrhundert, als die ersten Werften an dieser geschützten Bucht entstanden. Einst war Betina eine der wichtigsten Werftstandorte der gesamten Adria, und die hier gebauten Schiffe trugen dalmatinische Waren bis nach Venedig, Triest und Alexandria. Heute sind es nur noch wenige Meister, die das Wissen weitergeben. Aber die Tradition lebt – im Museum, in den Werkstätten, auf dem Wasser. Und wer sich Zeit nimmt, kann sie anfassen, riechen, hören.
Warum ausgerechnet Betina?
Die Lage als Schicksal
Betina hat keinen Sandstrand, kein fruchtbares Hinterland, keine besonderen Bodenschätze. Was das Dorf hatte, war seine Lage: eine geschützte Bucht, die selbst bei starker Bora ruhiges Wasser bot, direkten Zugang zu den Eichenwäldern des Festlands und eine strategische Position zwischen den Inseln des Šibenik-Archipels. Die Bucht öffnet sich nach Südwesten, geschützt durch die Halbinsel, und bietet einen natürlichen Slipway – eine sanft abfallende Uferzone, an der Boote problemlos zu Wasser gelassen werden konnten. Das waren die perfekten Voraussetzungen für eine Werft, und die Bewohner erkannten das früh.
Dazu kam das Know-how, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Väter lehrten Söhne, Meister lehrten Lehrlinge, und über die Jahrhunderte entstand ein kollektives Wissen, das nirgendwo aufgeschrieben war, sondern in den Händen der Bootsbauer lebte. Jede Familie hatte ihre Spezialisierung: Die einen bauten Rümpfe, andere fertigten Masten und Spieren, wieder andere waren Spezialisten für das Kalfatern – das Abdichten der Plankenfugen mit Hanffaser und Pech. Diese Arbeitsteilung machte Betina effizient und produktiv, weit über seine geringe Größe hinaus.
Aufstieg zur wichtigsten Werft Dalmatiens
Im 16. und 17. Jahrhundert wuchs Betina zur bedeutendsten Werftstadt der dalmatinischen Küste. Die Republik Venedig, die damals über Dalmatien herrschte, brauchte ständig neue Schiffe – für den Handel, für den Krieg, für die Kontrolle der Adria. Betinas Bootsbauer lieferten. Manche Quellen sprechen von über hundert Schiffen, die gleichzeitig in verschiedenen Baustadien an der Uferpromenade standen. Der Ort mit seinen wenigen hundert Einwohnern war praktisch eine einzige große Werft.
Was Betina von anderen Küstenorten unterschied: Hier wurde nicht nur für den lokalen Bedarf gebaut. Die Handelsschiffe aus Betina befuhren die gesamte östliche Adria und das Mittelmeer. Kapitäne aus Betina waren in den Häfen von Venedig, Ancona und Triest bekannt. Der Reichtum, den der Bootsbau brachte, ist heute noch an den Steinhäusern ablesbar, die im 18. Jahrhundert entlang des Hafens errichtet wurden – für ein Fischerdorf ungewöhnlich stattlich.
Die goldene Zeit und der langsame Niedergang
Das 18. und 19. Jahrhundert markierten die Blütezeit von Betinas Werften. Nicht nur Fischerboote entstanden hier, sondern ausgewachsene Handelsschiffe für den Fernverkehr: Trabakeln, Braceras und große Leuts, die Fracht zwischen Dalmatien und Italien transportierten. Die Werften am Ufer waren ständig beschäftigt, das Klopfen der Hämmer hallte vom Morgengrauen bis zum Abend durch die Bucht, der Geruch von frisch gehobeltem Eichenholz und heißem Teer lag über dem ganzen Dorf.

Dann kamen die Einschnitte. Die Auswanderungswelle nach Amerika in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm Betina viele junge Männer – genau jene Generation, die das Handwerk hätte weiterführen sollen. Gleichzeitig begann der Übergang von Holz- zu Stahlschiffen, zuerst bei den großen Reedereien, dann schrittweise auch in der kleineren Küstenschifffahrt. Betinas Bootsbauer konnten kein Eisen verarbeiten, ihre Hände kannten nur Holz. Die große Zeit war vorbei.
Aber der Bootsbau starb nicht. Er schrumpfte, spezialisierte sich auf kleinere Boote, auf Reparaturen, auf den lokalen Bedarf. Einige Familien hielten durch, allen wirtschaftlichen Widrigkeiten zum Trotz. Diese Beharrlichkeit ist es, die Betina bis heute von anderen ehemaligen Werftorten unterscheidet. Anderswo steht die letzte Werft als Ruine am Wasser. In Betina wird noch gebaut.
Das Museum des Holzschiffbaus
Das Muzej betinske drvene brodogradnje – Museum des Holzschiffbaus Betina – wurde 2015 in einem restaurierten Werftgebäude direkt am Hafen eröffnet. Es ist kein verstaubtes Heimatmuseum, sondern eine professionell kuratierte Ausstellung, die das Handwerk lebendig macht. Der Architekt hat den Industriecharakter des Gebäudes bewusst erhalten: rohe Steinmauern, offene Dachkonstruktion, der Blick aufs Wasser durch große Fenster. Man steht in einer ehemaligen Werft und fühlt es.
Die Sammlung
Über 1.500 Objekte umfasst die Sammlung – Werkzeuge, Konstruktionspläne, Schiffsmodelle, Fotografien und mehrere Original-Boote in verschiedenen Größen. Die Ausstellung ist chronologisch und thematisch aufgebaut und führt den Besucher durch den gesamten Prozess: vom stehenden Eichenbaum im Wald bis zum fertigen Boot auf dem Wasser. Besonders eindrucksvoll ist der Raum, in dem die Werkzeuge der verschiedenen Epochen nebeneinander ausgestellt sind – die Veränderungen über Jahrhunderte sind minimal, weil die Arbeit sich kaum verändert hat. Ein Hobel aus dem 18. Jahrhundert unterscheidet sich von einem aus dem 20. Jahrhundert nur im Grad der Abnutzung.
Interaktive Stationen laden zum Anfassen ein. An einer Station kann man selbst versuchen, eine Planke mit einem Hobel zu glätten – und merkt schnell, wie viel Kraft und Gefühl dafür nötig sind. Kinder lieben die Modellboote, die man ins Wasserbecken setzen kann. Das Museum ist kein Ort, an dem man Schilder liest und weitergeht. Man bleibt hängen.
Die lebende Werkstatt
Ein Teil des Museums ist als funktionierende Werkstatt eingerichtet. Hier arbeiten tatsächlich noch Bootsbauer, mal an Restaurierungen, mal an Neubauten. Wenn du Glück hast – besonders in den Sommermonaten – kannst du ihnen zusehen, wie sie mit Stechbeitel und Hobel arbeiten, wie sie Planken über Dampf biegen, wie sie die Spanten eines neuen Boots zusammensetzen. Die Geräusche der Werkstatt – das rhythmische Kratzen des Hobels, das dumpfe Klopfen des Holzhammers – sind der authentischste Soundtrack, den dieses Museum bieten kann.

Besichtigung und Preise
| Preis | |
|---|---|
| Erwachsene | 5 € |
| Kinder/Studenten | 3 € |
| Geführte Tour (auf Anfrage) | 8 € |
| Gruppen ab 10 Personen | 4 € pro Person |
Öffnungszeiten:
- April bis Oktober: Dienstag bis Sonntag, 10:00–18:00 Uhr
- November bis März: nach Vereinbarung
- Montags geschlossen
Kontakt: www.muzej-betina.hr | Tel: +385 22 435 960
Ein Tipp: Die geführten Touren lohnen sich. Die lokalen Guides erzählen Geschichten, die auf keinem Schild stehen – über Familienfehden zwischen konkurrierenden Werften, über Boote, die berühmt wurden, über den Meister, der ein Boot absichtlich ein wenig asymmetrisch baute, weil er wusste, dass das Meer nie gerade ist.
Workshops und Sonderprogramme
In der Sommersaison bietet das Museum gelegentlich Hands-on-Workshops an, bei denen Besucher selbst Hand anlegen können – schnitzen, hobeln, sogar kalfatern mit Hanffaser und Pech. Die Termine werden auf der Website und am Museumseingang angekündigt, eine Voranmeldung ist ratsam, weil die Plätze begrenzt sind. Für Gruppen können auf Anfrage spezielle Programme organisiert werden, inklusive einer Ausfahrt mit einem historischen Holzboot in der Bucht von Betina. Wer mit Kindern kommt: Das Museum hat ein eigenes Programm für jüngere Besucher, bei dem sie Miniatur-Boote aus Holzresten bauen können.
Die traditionellen Bootstypen
Gajeta – die Seele Dalmatiens
Die Gajeta ist das Herzstück des dalmatinischen Bootsbaus, und nirgendwo wurden mehr davon gebaut als in Betina. Schlank, elegant, mit einem charakteristischen Lateinersegel – dem dreieckigen Segel, das an einer schrägen Rah befestigt ist und der Gajeta ihre unverwechselbare Silhouette gibt. Diese Boote waren für alles gut: Fischfang, kurze Transportfahrten, Familienausflüge zu den Nachbarinseln. Ihre Rümpfe, aus bester dalmatinischer Eiche gebaut, hielten Jahrzehnte.

Eine typische Gajeta misst zwischen fünf und acht Metern Länge. Der Rumpf besteht aus Eichenholz, die Masten aus Kiefer – leichter und elastischer als Eiche, wichtig bei Wind. Das Lateinersegel erlaubt erstaunlich spitze Kurse gegen den Wind, und erfahrene Segler brachten ihre Gajetas auf Geschwindigkeiten, die manche moderne Segelboote neidisch machen würden. Heute segeln restaurierte Gajetas bei den Regatten traditioneller Boote, die jeden Sommer an verschiedenen Orten der dalmatinischen Küste stattfinden. Die Regatta in Betina ist natürlich die prestigeträchtigste.
Leut – das Arbeitspferd der Adria
Größer, breiter, robuster als die Gajeta. Der Leut war das Schiff für ernsthafte Arbeit: Frachtfahrten entlang der Küste, Transporte zwischen den Inseln und dem Festland, manchmal sogar Fahrten über die offene Adria nach Italien. Mit acht bis zwölf Metern Länge und einem tiefen Rumpf konnte ein Leut beachtliche Lasten tragen – Olivenöl, Wein, Holz, Stein. Einige der Betina-Leuts waren für ihre Geschwindigkeit bekannt und gewannen Wettfahrten gegen deutlich größere Schiffe. Heute existieren nur noch wenige originale Leuts, die meisten sorgfältig restauriert und bei Regatten im Einsatz. Im Museum steht ein vollständig erhaltenes Exemplar.
Pasara – der stille Begleiter
Klein, bescheiden, aber unverzichtbar. Die Pasara ist das Boot, das in keinem dalmatinischen Hafen fehlt und das bis heute gebaut und benutzt wird. Drei bis fünf Meter lang, ursprünglich nur mit Rudern angetrieben, heute oft mit einem kleinen Außenbordmotor. Fischer nutzen sie für kurze Fahrten in der Bucht, Familien für den Ausflug zur nächsten Badebucht, alte Männer für die abendliche Angelrunde. In Betinas Hafen liegen dutzende Pasaras, manche frisch lackiert, andere mit der Patina jahrzehntelanger Nutzung. Wer eine neue Pasara braucht, kann sie in Betina noch in Auftrag geben – eines der wenigen traditionellen Boote, für die es weiterhin einen alltagspraktischen Markt gibt.
Guc – der Spezialist
Weniger bekannt als Gajeta und Leut, aber in der Region um Murter durchaus verbreitet. Der Guc hat einen breiteren, stabileren Rumpf als die Gajeta, lag ruhiger im Wasser und eignete sich besonders für die Fischerei mit Netzen, bei der Stabilität wichtiger war als Geschwindigkeit. Die Form des Guc spiegelt die spezifischen Bedingungen des Murter-Archipels wider: moderate Wellen, häufige Windwechsel, die Notwendigkeit, schwere Netze einzuholen, ohne zu kentern.
Die Techniken des Holzbootsbaus
Das Holz: Vom Wald zum Boot
Eiche ist das Hauptmaterial – hart, dicht, wasserfest, langlebig. Die Eichen kamen traditionell vom Festland, aus den Wäldern der Ravni Kotari und der Bukovica, einer kargen Hügellandschaft nördlich von Šibenik. Gefällt im Winter, wenn der Saftfluss ruht und das Holz dichter ist. Dann wurden die Stämme zum Wasser gebracht und nach Betina geflößt – eine Reise, die manchmal Tage dauerte. In Betina lagerten sie auf dem Werftgelände, manchmal über Jahre, bis sie die richtige Trockenheit erreicht hatten. Zu frisches Holz arbeitet, es verzieht sich, reißt. Zu altes Holz wird spröde. Den richtigen Zeitpunkt zu erkennen war eine Kunst für sich, und die Meister konnten es am Klang des Holzes hören, wenn sie mit dem Knöchel dagegen klopften.
Für bestimmte Teile kamen andere Hölzer zum Einsatz: Kiefer für Masten und Spieren – leicht, elastisch, biegsam unter Wind. Ulme für Teile, die flexibel sein mussten, wie den Kiel bei kleineren Booten. Maulbeere gelegentlich für Beschläge und Dübel, weil sie extrem hart und widerstandsfähig gegen Salzwasser ist. Jedes Holz hatte seinen Platz, und ein guter Bootsbauer kannte die Eigenschaften so gut wie ein Koch seine Zutaten.
Spantenrippen-Methode und Kalfatern
Der Bau beginnt mit dem Kiel – dem Rückgrat des Boots. Darauf werden die Spanten gesetzt: gebogene Rippen, die die Form des Rumpfes vorgeben. Die Biegung der Spanten ist der kritischste Moment. Zu viel Kraft, und das Holz bricht. Zu wenig, und die Form stimmt nicht. Traditionell wurden die Spanten über Dampf gebogen – das Holz wird stundenlang in einer Dampfkiste erhitzt, bis es biegsam genug ist, dann schnell in die gewünschte Form gebracht und fixiert, bevor es wieder aushärtet. Der Moment, in dem der Bootsbauer das heiße, dampfende Holz aus der Kiste zieht und mit schnellen, sicheren Griffen um die Schablone biegt, gehört zu den eindrucksvollsten Szenen des Handwerks.
Auf die Spanten kommen die Planken – die Haut des Boots. Sie werden mit Holznägeln oder Kupfernieten befestigt. Zwischen den Planken entstehen Fugen, und hier kommt das Kalfatern ins Spiel: Die Fugen werden mit Werg – Hanffasern, die zu dicken Strängen gedreht sind – gefüllt, festgeklopft mit einem speziellen Kalfathammer, dann mit heißem Pech abgedichtet. Ein schlecht kalfatertes Boot nimmt Wasser auf, ein gut kalfatertes ist jahrelang dicht. Am Schluss wird geschliffen, geölt, lackiert. Ein traditionelles Boot aus Betina ist nicht nur funktional, es ist schön – die Proportionen stimmen, die Oberfläche glänzt, jedes Detail zeigt Sorgfalt.
Die Meister – Betinas letzte Bootsbauer
Hände, die Schiffe formen
In Betina gibt es noch eine Handvoll Männer, die das vollständige Handwerk beherrschen – vom stehenden Baum im Wald bis zum fertigen Boot auf dem Wasser. Sie sind die letzte Generation, die auf traditionelle Weise ausgebildet wurde, in einer Zeit, als Lehrlinge mit dreizehn oder vierzehn Jahren bei einem Meister anfingen und über sechs bis acht Jahre alles lernten: Holzauswahl, Spantenbiegen, Plankenzuschnitt, Kalfatern, Segelschneidern. Kein Lehrplan, kein Klassenzimmer, nur die Werkstatt und die Hände des Meisters.
Toni Ukas ist einer der bekanntesten. In seiner Werkstatt am Hafen von Betina hat er dutzende Boote gebaut und restauriert, von kleinen Pasaras bis zu vollständigen Gajetas. Er arbeitet noch immer, obwohl er das Rentenalter längst überschritten hat – nicht weil er muss, sondern weil er nicht aufhören kann. Wer ihn in seiner Werkstatt besucht, wird von ihm durch den gesamten Prozess geführt, wenn man Interesse zeigt und ein paar Worte Kroatisch versucht.
Die Familie Filipi baut seit Generationen Boote. Ihre Werft existiert noch, und obwohl der kommerzielle Druck groß ist, halten sie an traditionellen Methoden fest. Ihr Schwerpunkt liegt heute auf Restaurierungen – historische Boote, die für Regatten und Museen wieder seetüchtig gemacht werden.
Die Frage der Weitergabe
Das größte Problem des Handwerks ist nicht der Mangel an Material oder an Kunden – es ist die Weitergabe. Wenige junge Menschen wollen sechs Jahre lernen, was sich wirtschaftlich kaum lohnt. Ein Bootsbauer verdient weniger als ein Installateur, bei deutlich anstrengenderen Arbeitsbedingungen. Das Museum versucht, Interesse zu wecken, veranstaltet Workshops für Schüler, dokumentiert das Wissen der alten Meister auf Video und in Büchern. Die UNESCO-Anerkennung von 2021 hat geholfen, das Bewusstsein zu schärfen, aber ob sie ausreicht, um eine neue Generation zu motivieren, bleibt offen. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, der leise geführt wird, ohne Dramatik, aber mit Konsequenzen.
Betina erleben: Hafen, Gassen, Atmosphäre
Mehr als ein Museumsdorf
Betina ist kein Freilichtmuseum – hier leben etwa 800 Menschen, und der Ort hat seinen rauen, ungeschliffenen Charakter behalten. Die Gassen steigen vom Hafen steil an, gesäumt von Steinhäusern aus dem 18. und 19. Jahrhundert, deren Mauern so dick sind, dass es drinnen selbst im August kühl bleibt. Wäsche hängt zwischen den Häusern, Katzen dösen auf warmen Steinen, aus offenen Fenstern riecht es nach Fischsuppe. Am Abend sitzen die Alten auf den Bänken vor der Kirche Sv. Frane und beobachten das Treiben im Hafen – eine Szene, die sich seit hundert Jahren kaum verändert hat.
Die historischen Werftgebäude entlang der Hafenmauer sind teilweise noch aktiv, teilweise zu Wohnhäusern oder Restaurants umgebaut. Wer genau hinschaut, erkennt an den breiten Toren und den geneigten Böden die ursprüngliche Funktion: Hier wurden Boote gebaut und zu Wasser gelassen, und die Architektur folgte der Logik des Handwerks.
Der Hafen als Freilichtausstellung
Der Hafen von Betina ist klein, vielleicht dreißig Liegeplätze, aber voller Geschichte. Hier wurden die Boote zu Wasser gelassen, hier legten Fischer nach langen Nächten an, hier wurden Geschäfte per Handschlag besiegelt. Heute liegen restaurierte Holzboote neben modernen GFK-Jachten – ein Kontrast, der fast wehtut. Die alten Boote, mit ihren warmen Holztönen und den geschwungenen Linien, sehen neben dem weißen Plastik aus wie Skulpturen neben Industrieware. Wenn du frühmorgens am Hafen stehst, bevor die Tagestouristen kommen, hast du Betina fast für dich allein. Das Wasser ist dann spiegelglatt, die Boote spiegeln sich doppelt, und die Stille wird nur vom gelegentlichen Knarzen der Taue unterbrochen.
Regatta der traditionellen Boote
Jedes Jahr im Sommer – meist im August, genaue Daten auf der Website des Museums – findet die Regata tradicijskih barki statt, eine Regatta traditioneller Holzboote. Gajetas, Leuts und Gucs setzen ihre Lateinersegel und segeln um die Wette durch die Gewässer vor Betina und den Kornaten. Das Spektakel zieht Bootsbau-Enthusiasten aus ganz Kroatien und dem Ausland an, und im Dorf wird gefeiert: gegrillter Fisch auf langen Tischen, lokaler Wein, Musik. Die Teilnahme als Zuschauer ist kostenlos, und wer einen Einheimischen kennt, kann vielleicht sogar mitsegeln.
Kombinationen: Was du mit Betina verbinden kannst
Betina liegt am Nordende der Insel Murter, und die Umgebung bietet genug für mehrere Tage. Murter-Stadt, der Hauptort der Insel, liegt nur drei Kilometer südlich und hat einen lebhafteren Hafen, mehr Restaurants und eigene Strände. Der Kornati-Nationalpark ist von Murter aus am besten erreichbar – Bootstouren starten täglich in der Saison und bringen dich zu den karstigen, kahlen Inseln, die zu den spektakulärsten Landschaften Kroatiens gehören. Der Strand Slanica in Jezera, ein flacher Sandstrand mit Pinienwald, eignet sich perfekt für Familien.
Wer gern wandert, findet auf Murter überraschend gute Küstenpfade mit Blick auf die Kornaten – unser Wanderguide für Murter hat die Details. Die Insel lässt sich auch hervorragend per Rad erkunden: Die Straße von Betina nach Murter-Stadt führt entlang der Küste, und eine Rundtour über die Insel ist an einem halben Tag machbar.
Praktische Infos für deinen Besuch
Anreise
Murter ist über eine Drehbrücke bei Tisno mit dem Festland verbunden. Die Brücke öffnet zweimal täglich für den Schiffsverkehr – ungefähr um 9:00 und 17:00 Uhr – und dann staut es sich kurz auf beiden Seiten. Plane das ein, besonders im Hochsommer.
- Von Zadar: ca. 50 km, 45 Minuten
- Von Šibenik: ca. 35 km, 30 Minuten
- Von Split: ca. 100 km, 1,5 Stunden
In Betina gibt es kostenlose Parkplätze nahe dem Hafen und dem Museum. Im Hochsommer können die Plätze knapp werden – früh kommen hilft.
Essen und Trinken
Konoba Ćiro direkt am Wasser serviert frischen Fisch und einfache dalmatinische Küche – keine Experimente, aber ehrlich und gut. Die Tintenfisch-Bruschetta ist ausgezeichnet. Restoran Betina ist etwas gehobener, mit Terrasse und Meerblick, und bietet eine breitere Karte. Unbedingt probieren: Pašticada od hobotnice – ein langsam geschmorter Oktopus-Eintopf nach dalmatinischer Art, der hier besonders gut gelingt.
Übernachten
Betina hat keine Hotels. Die Unterkunft besteht aus Ferienwohnungen und privaten Zimmern, die meisten über Booking.com oder direkt bei den Vermietern buchbar. Wer mehr Auswahl will, findet sie in Murter-Stadt, nur drei Kilometer entfernt. Die Apartments in Betina haben dafür oft direkten Meerblick und die Ruhe, die dem Hauptort fehlt.
Beste Reisezeit
Für das Museum: ganzjährig, aber die lebende Werkstatt ist in den Sommermonaten deutlich aktiver. Für die Regatta: August, Termin auf der Museumswebsite prüfen. Für Ruhe und angenehme Temperaturen: Mai, Juni oder September – weniger Touristen, das Meer bereits warm genug zum Baden, und die Bootsbauer haben mehr Zeit für Gespräche.
Mehr als ein Hafen voller alter Boote
Betina ist kein Ort, den man in einer Stunde abhakt. Der Holzbootsbau war einmal die Identität dieses Dorfes, sein Lebensunterhalt, sein Stolz. Heute ist er sein Erbe – fragil, bedroht, aber noch lebendig. Das Museum bewahrt das Wissen, die wenigen Meister praktizieren es noch, und die Boote im Hafen erinnern daran, dass Handwerk mehr ist als Funktion. Es ist eine Art, die Welt zu verstehen: Material, Form, Wasser, Wind.
Nimm dir Zeit für Betina. Schau den Bootsbauern zu, wenn du kannst. Berühr das Holz, das über Jahrhunderte zu Schiffen wurde. Und versteh, dass hinter jedem Boot in diesem Hafen Generationen von Wissen stecken – Wissen, das verloren gehen könnte, wenn niemand mehr zuhört.
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