Slawonien: Kroatiens unentdeckter Osten – Wein, Natur & Tradition 2026
- Redaktionsteam
- Regionen , Kontinentales Kroatien
- 06 Dec, 2025
Inhalt
Kroatien ohne Meer, Berge oder Inseln – klingt erst mal falsch. Aber Slawonien, die Region zwischen Drau, Save und Donau, ist genau das: endlose Felder unter weitem Himmel, sanfte Hügel voller Weinreben, uralte Eichenwälder, und eine Gastfreundschaft, die dich nicht mehr loslässt.

Das kulinarische Herz Kroatiens schlägt hier, nicht an der Küste. Der beste Kulen (Paprikawurst, die es mit spanischem Chorizo aufnimmt) kommt aus Slawonien. Die Weine aus Kutjevo und Ilok gewinnen internationale Preise. Die Gasthäuser kochen, wie Großmutter kochte – nur besser. Und während Millionen Touristen die dalmatinische Küste bevölkern, hat diesen Teil des Landes kaum jemand auf dem Schirm.
Die Region war einst die Kornkammer des Habsburgerreichs. Die fruchtbaren Böden brachten Reichtum, der sich in barocken Städten niederschlug: Osijek, Đakovo, Vukovar. Der Naturpark Kopački Rit ist eines der größten Feuchtgebiete Europas – Paradies für Vogelbeobachter und alle, die Stille suchen.
Für Weinliebhaber: Graševina und Keller, die 800 Jahre alt sind
Slawonien produziert einige der besten Weißweine Kroatiens. Die Hauptsorte Graševina (verwandt mit Welschriesling) erreicht hier eine Qualität, die internationale Weinkenner aufhorchen lässt.

Kutjevo ist das Zentrum des Weinbaus. Das Weingut Kutjevo (gegründet 1232 von Zisterziensern) hat Keller, die 800 Jahre alt sind – die Verkostungen sind erschwinglich, die Weine exzellent. Krauthaker in Kutjevo ist modern und mehrfach prämiert. Enjingi als Boutique-Weingut experimentiert mit Naturweinen.
Ilok, ganz im Osten an der Donau, ist Kroatiens östlichste Stadt. Das Fürstenschloss der Odescalchi beherbergt ein Weingut, dessen Traminer einst an den britischen Königshof geliefert wurde. Der Ausblick über die Donau nach Serbien ist spektakulär.
Slawonien ist flach, die Straßen sind leer, die Landschaft weitläufig – perfekt für entspanntes Radfahren. Mehrere Routen erschließen die Weinregion:
Für Einsteiger:
- Im Herzen Slawoniens – 60 km rund um Đakovo, durch Felder und Dörfer
- Slawonische Horizonte – 60 km mit Weinberg-Stopps
Entlang der Flüsse:
- Entlang der Donau – 62 km von Erdut nach Ilok, historische Weingüter am Strom
- Von der Donau in die Ebenen – 74 km ins Hinterland
- Von Feldern zu großen Flüssen – 74 km zwischen Drau und Donau
Für Ambitionierte:
- Von den Weinbergen in die Ebenen – 83 km Ganztagestouren
- Sanfte Horizonte – 83 km durch das Herz der Weinregion
- Zwischen Feldern und Quellen – 59 km zu den Thermalquellen
Für Naturfreunde: Das kroatische Donaudelta
Der Naturpark Kopački Rit liegt am Zusammenfluss von Drau und Donau, nur 12 km von Osijek entfernt. Es ist eines der größten und besterhaltenen Feuchtgebiete Europas – vergleichbar mit dem Donau-Delta in Rumänien, nur zugänglicher.

Das Gebiet überschwemmt regelmäßig und schafft ein Mosaik aus Seen, Kanälen, Auwäldern und Sumpfwiesen. Die Artenvielfalt ist enorm: über 290 Vogelarten, darunter Seeadler, Löffler, Kormorane und riesige Reiherkolonien. Auch Rothirsche, Wildschweine und Biber leben hier.
Bootstouren ab Tikveš (ca. 15 €/Person) sind die beste Art, den Park zu erkunden. Im Frühling und Herbst ziehen Zugvögel durch – perfekt für Vogelbeobachter. Radwege entlang der Dämme sind flach und einfach. Der Parkeintritt kostet ca. 5 €.
Neben Kopački Rit gibt es weitere Naturhighlights: Lonjsko Polje (zwischen Zagreb und Slawonien) ist Europas größtes Feuchtgebiet. In Erdut nisten Weißstorch-Kolonien mitten im Dorf. Der Naturpark Papuk überrascht als bewaldetes Mittelgebirge (höchster Punkt: 953 m) inmitten der Ebene – UNESCO-Geopark mit uraltem Granit und versteinerten Wäldern. Wanderungen zum Wasserfall Jankovac sind familienfreundlich, die Burgruine Stari Grad Ružica bietet Panoramablick.
Für Kulturinteressierte: Barock, Lipizzaner und schmerzhafte Geschichte
Osijek ist Kroatiens viertgrößte Stadt und das Zentrum Slawoniens. Die Stadt an der Drau hat alles, was Touristen in Zagreb suchen – nur ohne die Massen.

Die barocke Festung Tvrđa, erbaut nach den Türkenkriegen, ist einer der am besten erhaltenen Festungskomplexe Mitteleuropas. Kopfsteinpflaster, Cafés in alten Kasernen, der Hauptplatz Trg Svetog Trojstva. Die Europska Avenija zeigt Jugendstil-Fassaden, die Kathedrale St. Peter und Paul hat einen der höchsten Kirchtürme Kroatiens (90 m). Die Promenade an der Drau ist perfekt für Abendspaziergänge – die Studentenstadt hat ein überraschend gutes Nachtleben, die Bars in der Tvrđa füllen sich ab 22 Uhr.
Đakovo, 40 km südlich, ist bekannt für zwei Dinge: Die Kathedrale St. Peter ist ein neoromanisches Meisterwerk aus rotem Backstein – von außen imposant, von innen überwältigend durch Fresken, die jeden Quadratzentimeter bedecken. Das Lipizzaner-Gestüt züchtet seit 1506 die berühmten weißen Pferde. Das Đakovački Vezovi Festival Anfang Juli ist das größte Folklorefestival Kroatiens – Trachten, Musik, Tänze, Kulen-Wettessen.

Vukovar, die Stadt an der Donau, wurde im Kroatienkrieg 1991 fast vollständig zerstört. Die 87-tägige Belagerung und das Massaker von Ovčara sind Teil der jüngsten europäischen Geschichte. Heute ist Vukovar wieder aufgebaut, aber die Narben sind sichtbar – das Gedenkzentrum Ovčara und der absichtlich nicht restaurierte Wasserturm erinnern an die Opfer. Abseits der Geschichte ist Vukovar eine barocke Stadt am Wasser mit einem beeindruckenden Schloss (heute Museum) und lebendiger Café-Szene.
Für Genießer: Kulen, Čobanac und das beste Essen fernab der Küste
Slawonische Küche ist herzhaft, würzig und reichhaltig – nichts für Kalorienzähler, aber alles für Genießer.

Kulen ist die Königin der slawonischen Wurst: grob gehacktes Schweinefleisch mit viel Paprika, monatelang getrocknet. Scharf, rauchig, unwiderstehlich – jede Familie hat ihr Geheimrezept. Čobanac ist Eintopf aus verschiedenen Fleischsorten (oft Schwein, Rind, Wild) mit Paprika und Nudeln. Das slawonische Gulasch, aber besser. Fiš Paprikaš ist Fischsuppe mit Karpfen oder Wels, viel Paprika, serviert mit Nudeln – an der Donau ein Muss. Sarma, die gefüllten Kohlrouladen, sind Winterkomfort pur.
Wo essen? Slavonska Kuća in Osijek bietet traditionelle Küche mit authentischem Ambiente. Kod Ruže in Osijek hat die beste Čobanac der Stadt. Baranjska Kuća bei Kopački Rit serviert Fisch aus dem Park und Wild. Kometa in Kutjevo sitzt im Weingut – perfekte Wein-Speisen-Kombination. Stari Podrum in Ilok bietet das Erlebnis im historischen Weinkeller.

So planst du deinen Trip
Von Zagreb sind es 280 km, etwa 3 Stunden über die Autobahn A3. Von Wien 330 km (3,5 Stunden), von Budapest ebenfalls 280 km. Osijek hat einen kleinen Flughafen mit Zagreb-Verbindungen, aber die meisten kommen mit dem Auto.
Slawonien hat keine Luxusresorts – und das ist gut so. Die Unterkünfte sind authentisch: Hotels im Zentrum von Osijek (Hotel Osijek, Waldinger) oder B&Bs in der Tvrđa, Zimmer auf Weingütern in Kutjevo und Ilok, Agrotourismus in Landhäusern, Pension Zlatna Greda direkt am Naturpark. Preise: 50-70 € für Doppelzimmer, deutlich günstiger als die Küste.
Die beste Zeit? Frühling (April/Mai) wenn Kopački Rit überschwemmt und Zugvögel durchziehen. Herbst (September/Oktober) zur Weinlese mit Weinfesten und goldener Landschaft. Im Sommer wird es heiß (oft über 35°C), aber die Gewässer bieten Abkühlung. Winter ist kalt, aber gemütlich – perfekt für Kulen und Rotwein am Kamin.
Wie viel Zeit einplanen? Ein Wochenende reicht für Osijek, Kopački Rit und ein Weingut. 4-5 Tage, um die Region richtig zu erkunden. Eine Woche mit Radtouren und allen Nebenschauplätzen.
Warum kommen so wenige her?
Die Region wurde im Kroatienkrieg schwer getroffen. Vukovar ist das Symbol, aber auch andere Orte waren betroffen. Der Wiederaufbau dauerte Jahre, der touristische Aufschwung kam spät. Und das Küsten-Klischee ist stark: Die meisten deutschen Touristen denken bei Kroatien an Dubrovnik und Strände, nicht an Eichenwälder und Paprikawürste.
Das ändert sich langsam. Weinkenner entdecken Graševina, Radfahrer die flachen Routen, Naturfreunde Kopački Rit. Wer jetzt kommt, erlebt authentisches Kroatien – bevor die Massen folgen.
Hier gibt es keine Instagram-Influencer, keine Kreuzfahrtschiffe, keine Warteschlangen. Hier gibt es Winzer, die persönlich einschenken, Köche, die kochen wie für die Familie, Landschaften aus einem anderen Jahrhundert. Pack das Fahrrad ein, bring Appetit mit, lass dich überraschen.
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