Verlassene Dörfer in Kroatien: Geisterdörfer zwischen Geschichte und Natur
- Redaktionsteam
- Geheimtipps , Kultur
- 08 Mar, 2026
Inhalt
Kroatien hat mehr verlassene Dörfer, als man denkt. In den Bergen Likas, auf den Inseln der Adria, in den Hügeln Istriens — überall stehen Häuser ohne Bewohner. Manche wurden vor Jahrhunderten aufgegeben, andere vor wenigen Jahrzehnten. Die Gründe reichen von der Pest über wirtschaftlichen Niedergang bis zu den Kriegen der 1990er Jahre. Was bleibt, sind Steinmauern, die langsam unter Efeu verschwinden, Kirchen ohne Dach, Wege, die nur noch Ziegen kennen.

Diese Orte sind keine Kulisse für Instagram-Posen. Sie sind Zeugen einer Geschichte, die in den Hochglanzbroschüren nicht vorkommt. Wer sich die Mühe macht, sie zu besuchen, findet etwas, das an der überfüllten Riva in Split oder auf der Stradun in Dubrovnik fehlt: Stille. Und Geschichten, die unter jedem Stein warten.
Diesen Artikel habe ich nach Regionen gegliedert — von Istrien über die Inseln bis ins Landesinnere. Jedes Dorf ist ein eigenes Kapitel, mit allem, was du für einen Besuch brauchst.
Dvigrad — die Stadt, die die Pest auslöschte
Im Herzen Istriens, etwa drei Kilometer nördlich von Kanfanar, steht eine Stadt, in der seit über 300 Jahren niemand mehr lebt. Dvigrad — der Name bedeutet “Doppelstadt” — war einmal eine befestigte Siedlung mit zwei Burgen, mehreren Kirchen und einer Bevölkerung von über 1.000 Menschen. Im 17. Jahrhundert machte die Pest dem ein Ende. Nicht auf einen Schlag, sondern in Wellen, die zwischen 1630 und 1714 immer wieder über die Stadt hereinbrachen. Irgendwann war niemand mehr übrig, und die letzten Überlebenden zogen ins nahe Kanfanar.

Was heute steht, ist beeindruckend. Die Stadtmauer ist auf weiten Strecken erhalten, ebenso die Grundmauern der Häuser und die Reste zweier Kirchen. Die Kirche der Heiligen Sophia hat noch ihren Apsisbogen, und wenn du durch den leeren Türrahmen trittst, stehst du in einem Kirchenschiff unter freiem Himmel, mit Gras zwischen den Pflastersteinen und Vögeln, die in den Mauerritzen nisten. An manchen Stellen ragen die Mauern vier, fünf Meter auf — genug, um die Straßenverläufe zu erkennen, die Plätze, die Hierarchie der Häuser. Hier wohnten die Wohlhabenden, dort das einfache Volk, dort stand die Zisterne.
Der Zugang ist frei und kostenlos, rund um die Uhr. Es gibt keine Kasse, keinen Zaun, keine Führung. Nur ein paar Infotafeln auf Kroatisch und Englisch. Das macht Dvigrad zu einem der ehrlichsten historischen Orte in Kroatien — keine Inszenierung, kein Eintrittspreis, nur Ruinen und Wind. Allerdings bedeutet das auch: keine Absperrungen. Die Mauern sind alt, manche Steine locker. Klettere nicht auf die höheren Mauern, halte Kinder im Blick, und trage festes Schuhwerk. Im Sommer wächst das Gras hüfthoch, und du siehst nicht, wo der Boden aufhört und ein altes Kellergewölbe anfängt.
Anfahrt und praktische Hinweise: Die Ruine liegt an einer Schotterstraße, die von der Hauptstraße bei Kanfanar abzweigt (ausgeschildert). Parken kannst du direkt vor dem Gelände auf einem unbefestigten Platz. Von Rovinj sind es 25 Minuten, von Poreč 30 Minuten. Plane mindestens eine Stunde für die Erkundung ein, mehr, wenn du fotografierst. Wasser und Proviant mitbringen — es gibt vor Ort nichts zu kaufen. Morgens und am späten Nachmittag ist das Licht für Fotos am besten, wenn die Sonne flach durch die Maueröffnungen fällt und lange Schatten über die Gassen zieht.
In der Nähe liegt der Limski-Kanal, einer der eindrucksvollsten Fjorde Istriens, den du auf dem Rückweg mitnehmen kannst. Wer mit dem Fahrrad unterwegs ist, kann Dvigrad als Stopp auf einer Istrien-Rundtour durch die Weinberge einbauen — die 68-km-Route von Poreč über Motovun führt durch genau diese Gegend, und ein Abstecher zu den Ruinen ist ein Kontrast, den keine Weinverkostung bieten kann.
Humac auf Hvar — ein Dorf aus Stein und Stille
Auf der Insel Hvar, abseits der Partyszene von Hvar-Stadt, liegt das Dorf Humac. Es steht auf einem Hochplateau im Inselinneren, etwa sieben Kilometer von Jelsa entfernt, umgeben von Macchia und Steineichen. Das Dorf wurde nicht plötzlich verlassen — die Bewohner zogen über Jahrzehnte weg, weil das Leben hier oben zu hart war. Kein fließendes Wasser, kein Strom, keine Straße. Im 20. Jahrhundert ging einer nach dem anderen in die Küstenorte, und irgendwann blieb niemand mehr.

Was geblieben ist: ein Dutzend Steinhäuser mit dicken Mauern und Dachplatten aus lokalem Kalkstein. Einige wurden in den letzten Jahren restauriert, eines dient im Sommer als Konoba (Taverne), wo du unter einer Pergola Ziegenkäse und Pršut probieren kannst — wenn sie geöffnet hat, was nicht garantiert ist. Das Dorf wirkt wie ein Freilichtmuseum, aber ohne Eintritt und ohne Inszenierung. Du wanderst zwischen den Häusern, schaust durch leere Fensteröffnungen, und hörst nichts außer Grillen und dem Wind, der durch die Macchia streicht.
Der eigentliche Schatz von Humac liegt eine halbe Stunde Fußweg südlich: die Grapčeva špilja, eine der bedeutendsten prähistorischen Höhlen Kroatiens. Hier wurden Keramikfunde aus dem 4. Jahrtausend v. Chr. gemacht, darunter eine verzierte Vase, die heute im Museum in Zagreb steht. Die Höhle selbst ist klein und unspektakulär im Vergleich zu den großen Tropfsteinhöhlen, aber das Wissen, dass hier vor 6.000 Jahren Menschen gelebt haben, verleiht dem Ort eine Schwere, die größer ist als seine Dimensionen.
So kommst du nach Humac: Von Jelsa aus führt eine schmale Asphaltstraße Richtung Humac, die letzten Kilometer sind eine Schotterpiste. Mit einem normalen Auto geht es, aber langsam. Alternativ kannst du von Jelsa aus wandern — etwa 90 Minuten, der Weg ist markiert, aber nicht schattig. Im Sommer unbedingt früh morgens oder am späten Nachmittag gehen, genug Wasser mitnehmen (mindestens 1,5 Liter pro Person), Sonnenschutz tragen. Von der Grapčeva-Höhle hast du einen weiten Blick über die Südseite der Insel bis zum Meer. Der Rückweg nach Jelsa geht auch über einen alten Eselspfad, der steiler ist, aber durch einen schönen Wald führt.
Malo Grablje — das Lavendeldorf, das niemand mehr brauchte
Nur wenige Kilometer von Hvar-Stadt entfernt, versteckt in einem Tal hinter dem Hügel Sveti Nikola, liegt Malo Grablje. Das Dorf wurde 1968 endgültig aufgegeben, als die letzten Familien nach Milna an die Küste zogen. Der Grund war nicht Krieg oder Krankheit, sondern etwas Banaleres: der Zusammenbruch des Lavendelmarktes.
Hvar war einmal eines der wichtigsten Lavendelanbaugebiete Europas. Die Bauern von Malo Grablje lebten von der Destillation des ätherischen Öls. Als synthetische Duftstoffe den natürlichen Lavendel verdrängten, brach die Existenzgrundlage weg. Die jungen Leute gingen als erste, die alten hielten noch eine Weile durch, aber ohne Straße, ohne Strom und ohne Einnahmen war das Dorf nicht mehr lebensfähig.

Heute stehen die Häuser so, wie sie 1968 verlassen wurden — nur dass die Natur 58 Jahre Zeit hatte, sich alles zurückzuholen. Feigenbäume wachsen durch ehemalige Wohnzimmer. Wilder Lavendel blüht zwischen den Steinen, als wüsste er, dass er hier einmal kultiviert wurde. Die Kirche Sveti Rok steht noch, das Dach hält, die Tür ist offen. Drinnen riecht es nach Stein und Feuchtigkeit. Ein paar Heiligenbilder hängen an der Wand, verblasst, aber noch erkennbar.
Einmal im Jahr, am Fest des Sveti Rok im August, kommen die Nachkommen der Dorfbewohner aus Milna herauf, feiern eine Messe in der Kirche und essen zusammen. Es ist ein Ritual, das zeigt: Malo Grablje ist nicht vergessen, nur unbewohnt. In den letzten Jahren gibt es Bemühungen, einzelne Häuser zu restaurieren. Ein kroatischer Architekt hat eines der Gebäude als Projekt aufgenommen, aber der Fortschritt ist langsam. Ohne Straßenanbindung bleibt jede Restaurierung eine logistische Herausforderung.
Wanderung nach Malo Grablje: Der einzige Zugang ist zu Fuß. Von Hvar-Stadt nimmst du den Weg Richtung Sveti Nikola und biegst nach etwa 30 Minuten ins Tal ab. Insgesamt brauchst du rund 45 Minuten. Der Pfad ist nicht schwierig, aber bei Nässe rutschig. Im Dorf selbst kannst du dich frei bewegen — es gibt keine Absperrungen. Vorsicht bei den Gebäuden: Manche Decken sind eingestürzt, manche Treppen morsch. Betrete keine Häuser, deren Struktur unsicher aussieht. Fotografen schätzen die goldene Stunde am Nachmittag, wenn das Licht durch die leeren Fensterrahmen fällt und die Steine warm leuchten.
Lubenice auf Cres — am Rand der Klippe, am Rand der Existenz
Lubenice ist nicht vollständig verlassen, aber es ist nah dran. Im Winter leben hier vielleicht fünf Menschen, im Sommer kommen ein paar mehr dazu. Das Dorf thront auf einer 378 Meter hohen Klippe über der Westküste von Cres, und wer hier steht, versteht sofort, warum es einmal besiedelt wurde — und warum es fast aufgegeben wurde. Die Lage ist spektakulär, aber das Leben hier oben war nie einfach.

Die Geschichte von Lubenice reicht über 4.000 Jahre zurück. Es ist eine der ältesten durchgehend besiedelten Stätten an der Adria, mit Funden aus der Bronzezeit. Im Mittelalter war es ein befestigtes Dorf mit Mauern und einer Kirche, das den Piraten trotzte, die regelmäßig die Küste heimsuchten. Die Höhenlage war Schutz und Fluch zugleich — sicher vor Angreifern, aber weit weg vom Meer und vom Wasser. Jeder Tropfen musste in Zisternen gesammelt werden.
Was du heute siehst, ist ein Dorf, das gleichzeitig lebt und stirbt. Ein paar Häuser sind restauriert, bewohnt, mit Blumen vor den Fenstern. Andere stehen leer, die Dächer eingebrochen, die Mauern bröckeln. Im Sommer gibt es im Dorf ein kleines Konzertprogramm — klassische Musik in der Kirche, mit Blick über die Klippe auf das offene Meer. Das Musikfestival “Lubenice Music Nights” zieht Besucher an, die sich auf den schmalen Bänken in der Kirche drängen und nach dem Konzert mit Taschenlampen den Weg zurück zum Parkplatz suchen.
Unter dem Dorf, am Fuß der Klippe, liegt einer der schönsten Strände Kroatiens: Sveti Ivan. Du erreichst ihn über einen steilen Pfad, der etwa 45 Minuten bergab dauert und im Sommer schweißtreibend ist. Der Strand selbst ist eine Kiesbucht mit kristallklarem Wasser und keiner Infrastruktur — kein Schirm, keine Bar, kein Rettungsschwimmer. Nimm alles mit, was du brauchst, und vergiss nicht, dass du danach wieder hochmusst. Das ist der Preis für die Abgeschiedenheit, und er ist es wert.
Anreise und Besuch: Lubenice liegt auf der Westseite von Cres, etwa 25 Kilometer von Cres-Stadt entfernt. Die Straße ist schmal und kurvig, der Parkplatz vor dem Dorf klein (im Sommer früh kommen). Von der Fähranlegestelle Porozina im Norden sind es rund 50 Kilometer. Das Dorf selbst erkundest du in einer Stunde, den Abstieg zum Strand solltest du extra einplanen. In der einzigen Konoba bekommst du Schafskäse, Schinken und Wein — wenn sie offen hat. Verlasse dich nicht darauf und bring Essen mit.
Gdinj und die Dörfer im Osten von Hvar
Der östliche Teil von Hvar ist eine andere Welt als der Westen. Keine Cocktailbars, keine Yachten, keine Touristen mit Rollkoffern. Hier stehen Dörfer wie Gdinj, Zastražišće und Gromin Dolac — halb bewohnt, halb aufgegeben, mit alten Steinhäusern, in denen noch manchmal Licht brennt, und anderen, die seit Jahrzehnten leer stehen.

Gdinj selbst hat noch eine Handvoll ganzjährige Bewohner, die meisten älter als 70. Im Sommer kommen ein paar Kinder und Enkel, öffnen die Fensterläden, weißeln die Wände und schließen sie im September wieder. Die umliegenden Weiler — kleine Siedlungen aus vier, fünf Häusern, verbunden durch Trockenmauern und Eselspfade — sind vollständig verlassen. Hier wuchsen einmal Wein und Oliven, hier brannten Öfen für Brot und Kalk. Die terrassierten Hänge sind noch sichtbar, aber die Natur übernimmt: Macchia verschluckt die alten Felder, Pinien sprießen aus den Mauerkronen.
Was diesen Teil von Hvar besonders macht, ist die Wanderung selbst. Der östliche Inselteil hat ein Netz von alten Pfaden, die die Dörfer verbinden. Du läufst durch duftende Macchia, vorbei an verlassenen Gehöften, mit Blick auf die Inseln Šćedro und Korčula. Der Weg von Gdinj hinunter zur Bucht von Dubovica dauert etwa anderthalb Stunden und endet an einem Kieselstrand, der nur zu Fuß oder per Boot erreichbar ist. Zwischen den verlassenen Häusern und dem türkisen Meer liegt ein Kontrast, der typisch für Kroatien ist: außen unberührt, innen eine Geschichte des Weggehens.
Praktisches für Ost-Hvar: Die Dörfer erreichst du über die einzige Straße, die von Stari Grad über Jelsa nach Sućuraj führt. Von Jelsa bis Gdinj sind es rund 30 Minuten. Es gibt keine Busverbindung — Mietwagen oder Roller sind nötig. In Gdinj gibt es manchmal eine offene Konoba, aber zuverlässige Versorgung nur in Jelsa. Wanderschuhe anziehen, die Pfade sind steinig. Im Frühling (April/Mai) blüht alles, im Hochsommer ist es zu heiß für ausgedehnte Wanderungen.
Stari Bar bei Motovun — Istriens vergessene Ruine
Nicht zu verwechseln mit Stari Bar in Montenegro: Dieses Stari Bar ist eine kleine Ruinengruppe in den Hügeln oberhalb des Mirna-Tals, wenige Kilometer von Motovun entfernt. Es war nie ein großes Dorf, eher ein Weiler mit einer Handvoll Häusern und einer kleinen Kapelle. Aufgegeben wurde es irgendwann im 19. Jahrhundert, als die Bewohner in die besser erreichbaren Ortschaften im Tal zogen.
Die Ruinen sind nicht spektakulär im Sinne von Dvigrad — keine hohen Mauern, keine erkennbaren Straßenzüge. Aber sie haben etwas, das größere Stätten nicht bieten: absolute Einsamkeit. Der Zugang führt über einen Feldweg, dann über einen Pfad durch Eichenwald. Im Herbst, wenn Nebel im Mirna-Tal hängt und die Trüffelsucher mit ihren Hunden unterwegs sind, hat dieser Ort eine fast mystische Qualität. Du stehst zwischen bemoosten Mauern, um dich herum nichts als Wald und Stille, und das nächste touristische Highlight — Motovun mit seinen Trüffelrestaurants — ist nur zehn Autominuten entfernt, aber gefühlt eine Welt.
Besuch von Stari Bar: Am besten kombinierst du den Abstecher mit einem Besuch in Motovun. Von der Zufahrtsstraße nach Motovun zweigt ein Feldweg ab (nicht ausgeschildert, frag in Motovun nach dem genauen Weg oder nutze GPS-Koordinaten: ca. 45.335°N, 13.829°E). Das Gelände ist frei zugänglich, aber nicht erschlossen. Festes Schuhwerk, lange Hosen gegen Dornen. Nicht bei Regen — der Pfad wird schlammig und die Steine rutschig. Fotografen finden hier im Herbst und Winter die besten Bedingungen, wenn das Licht weich ist und der Wald kahl.
Peroj — das Dorf, das nicht aufgegeben wurde
Peroj ist kein verlassenes Dorf, und genau das macht es besonders in dieser Liste. Es liegt an der Westküste Istriens, zwischen Fažana und Vodnjan, und ist eine lebendige Ortschaft mit ein paar hundert Einwohnern. Aber Peroj hat eine Geschichte, die einzigartig in ganz Kroatien ist.
Im Jahr 1657 siedelte die Republik Venedig eine Gruppe orthodoxer Montenegriner in dem damals verlassenen Dorf an. Die Pest hatte die ursprüngliche Bevölkerung dezimiert, die Felder lagen brach, und Venedig brauchte Arbeitskräfte. Die Montenegriner kamen, brachten ihre orthodoxe Kirche, ihre Bräuche und ihren Dialekt mit — und blieben. Über 360 Jahre später gibt es in Peroj immer noch eine serbisch-orthodoxe Kirche, die Sveti Spiridon, und eine Gemeinde, die ihre Wurzeln pflegt, umgeben von einer ansonsten katholisch-kroatischen Gegend.

Der Besuch lohnt sich für Menschen, die sich für die Schichten der Geschichte interessieren, die in Kroatien übereinanderliegen. Die orthodoxe Kirche ist schlicht, aber schön, mit Ikonen und einem kleinen Friedhof. Das Dorf selbst ist ein typisch istrisches Nest — Steinhäuser, enge Gassen, ein paar Olivenbäume. Was fehlt, sind Touristen. Peroj steht in keinem Reiseführer, hat kein Restaurant, das um Aufmerksamkeit buhlt, und keine Sehenswürdigkeit im klassischen Sinn. Aber es hat etwas, das wertvoller ist: eine Gemeinschaft, die überlebt hat, wo andere aufgegeben haben. Ein Anti-Geisterdorf, wenn man so will.
Besuch von Peroj: Das Dorf liegt direkt an der Küstenstraße zwischen Fažana und Vodnjan, etwa fünf Kilometer vom Brijuni-Fährhafen entfernt. Du kannst es mit einem Besuch der Brijuni-Inseln oder der Nationalpark-Fähre kombinieren. Die Kirche ist nicht immer geöffnet — frag im Ort nach oder komm sonntags zur Liturgie. Der kleine Hafen von Peroj hat einen Kieselstrand, der fast nur von Einheimischen genutzt wird.
Die verlassenen Dörfer in Lika — Narben der Geschichte
Hier wird die Sache ernst. In der Region Lika, dem bergigen Hinterland zwischen Zagreb und der dalmatinischen Küste, stehen dutzende Dörfer, die seit den 1990er Jahren leer sind. Der Kroatische Unabhängigkeitskrieg (1991—1995) traf diese Region besonders hart. Vertreibung, Flucht, Zerstörung — ganze Gemeinden hörten auf zu existieren. Nach dem Krieg kehrten viele Bewohner nicht zurück. Die jüngeren zogen nach Zagreb oder ins Ausland, die älteren starben, und die Häuser stehen leer.

Ich nenne hier bewusst keine konkreten Dorfnamen. Diese Orte sind keine Touristenattraktionen, und es wäre respektlos, sie als solche zu vermarkten. Was ich sagen kann: Wenn du mit dem Auto durch Lika fährst — etwa auf der Strecke zwischen Gospić und Gračac oder zwischen Otočac und dem Velebit — wirst du sie sehen. Häuser ohne Dächer, Gärten ohne Gärtner, Kirchen ohne Gemeinden. Manche tragen noch Einschusslöcher. Andere sind einfach leer, die Fensterläden geschlossen, als wären die Bewohner nur kurz weg.
Was du hier siehst, ist kein pittoresker Verfall. Es ist das Ergebnis eines Krieges, der Familien zerrissen und Regionen entvölkert hat. Die Bevölkerung der Gespanschaft Lika-Senj ist von über 85.000 (1991) auf heute rund 42.000 gesunken — ein Rückgang, von dem sich die Region nie erholt hat. In manchen Gemeinden leben heute weniger Menschen als Anfang des 19. Jahrhunderts.
Wenn du diese Gegend besuchst, tu es mit Respekt. Fotografiere keine Privathäuser, deren Besitzer vielleicht noch leben und eines Tages zurückkehren wollen. Betrete keine Gebäude — sie können vermint sein (auch wenn die meisten Gebiete offiziell geräumt sind, gibt es in abgelegenen Gegenden immer noch Risiken). Bleib auf markierten Wegen und Straßen. Und wenn du mit Einheimischen sprichst, hör zu, bevor du fragst. Die Geschichten dieser Dörfer gehören den Menschen, die hier gelebt haben, nicht den Besuchern.
Was du in Lika stattdessen besuchen kannst: Die Region hat mehr zu bieten als ihre Wunden. Der Nationalpark Plitvicer Seen liegt hier, ebenso der Nationalpark Nördlicher Velebit. Die kleine Stadt Gospić hat ein Tesla-Museum (Nikola Tesla wurde in Smiljan bei Gospić geboren), und das Gacka-Tal mit seinen Quellen und Forellenbächen ist eines der stillsten Naturerlebnisse in ganz Kroatien. Wer die Region auf dem Rad erkunden möchte, findet in der ridescouts-Route “Im Land Teslas” eine 85-km-Tour, die durch das Hinterland führt und an Orten vorbeikommt, die die meisten Touristen nie sehen — darunter Teslas Geburtshaus in Smiljan und Ausblicke auf den Velebit, die man sich erarbeiten muss.
Fotografieren in verlassenen Dörfern — was erlaubt ist und was nicht
Ein Wort zur Fotografie, weil es zu diesem Thema gehört. Verlassene Orte ziehen Fotografen an, und das ist verständlich. Das Spiel von Verfall und Natur, von Licht durch eingestürzte Dächer, von Moos auf Stein — das sind Bilder, die man nicht inszenieren kann.
Aber es gibt Grenzen. In Kroatien ist das Betreten von Privatgrundstücken ohne Erlaubnis rechtlich gesehen Hausfriedensbruch, auch wenn das Haus seit Jahrzehnten leer steht. Die meisten verlassenen Dörfer haben noch Eigentümer — Nachkommen, die das Land geerbt haben, auch wenn sie es nie besuchen. In der Praxis wird niemand verhaftet, weil er durch ein verlassenes Dorf läuft, aber das heißt nicht, dass es erlaubt ist.
Für die Dörfer in diesem Artikel gilt: Dvigrad, Humac und Lubenice sind öffentlich zugängliche historische Stätten, in denen du frei fotografieren kannst. Malo Grablje und die Gdinj-Weiler sind Grauzonen — die Pfade sind öffentlich, die Häuser privat. Fotografiere von außen, betrete nichts Verschlossenes. In Lika gelten die oben genannten besonderen Regeln: keine Fotos von identifizierbaren Privathäusern, keine “Ruin Porn”-Ästhetik mit Kriegsschäden.
Technisch lohnt sich ein Weitwinkelobjektiv, um die Enge der Gassen und die Weite der Landschaft einzufangen. Stativ nicht vergessen — in den schattigen Innenräumen und bei Dämmerungslicht ist es dunkel. Und: Drohnen sind in der Nähe von Nationalparks und in manchen Küstenzonen genehmigungspflichtig. Informiere dich vorher bei der kroatischen Luftfahrtbehörde (CCAA) über die aktuellen Regeln.
Diese Dörfer verbinden — Routenvorschläge
Wer mehrere verlassene Dörfer in eine Reise einbauen will, kann das gut nach Regionen planen.
Istrien-Route (2-3 Tage): Starte in Rovinj oder Poreč, fahre nach Dvigrad (Vormittag), weiter nach Motovun zum Mittagessen und Trüffelsuche, am Nachmittag Stari Bar erkunden. Am nächsten Tag Richtung Süden nach Peroj und weiter zu den Brijuni-Inseln. Diese Kombination verbindet Geschichte mit Genuss — Istriens beste Restaurants liegen zwischen den Ruinen.
Hvar-Wanderwoche: Starte in Jelsa, wandere am ersten Tag nach Humac und zur Grapčeva-Höhle. Am zweiten Tag von Hvar-Stadt nach Malo Grablje. Am dritten Tag mit dem Auto in den Osten nach Gdinj und von dort zur Bucht Dubovica. Dazwischen die Lavendelfelder bei Velo Grablje besuchen — im Juni blüht der Lavendel, und der Duft begleitet dich auf jedem Pfad.
Lika und Velebit (2-3 Tage): Von Zagreb aus Richtung Süden über die Autobahn A1, Abfahrt Gospić. Tesla-Museum in Smiljan, Gacka-Tal, Nördlicher Velebit. Die verlassenen Dörfer siehst du entlang der Nebenstrecken — du musst sie nicht suchen, sie finden dich. Weiter nach Gračac zu den Cerovačke Höhlen und in den Nationalpark Paklenica. Wer auf dem Rad unterwegs ist, kann von den Plitvice-Seen zu den Wassermühlen von Rastoke fahren — 39 Kilometer durch die stille Landschaft, die in den letzten dreißig Jahren langsam wieder zum Leben erwacht.
Warum diese Dörfer wichtig sind
Verlassene Dörfer sind keine Sehenswürdigkeiten im üblichen Sinn. Sie verkaufen keine Tickets, haben keine Öffnungszeiten und tauchen selten in Reiseführern auf. Aber sie erzählen eine Geschichte Kroatiens, die in den polierten Altstädten von Dubrovnik und Split nicht vorkommt: die Geschichte der Menschen, die gegangen sind. Weil die Pest kam, weil der Lavendel nichts mehr wert war, weil der Krieg alles zerstörte, oder einfach, weil das Leben woanders leichter war.
In diesen leeren Mauern steckt mehr über Kroatien als in jeder geführten Tour durch den Diokletianpalast. Wer die Stille aushält und die Geschichten hören will, findet hier etwas, das kein Hotel und kein Restaurant bieten kann: einen Moment, in dem die Zeit nicht nur stehen geblieben ist, sondern in dem man spürt, warum sie weitergegangen ist — ohne die Menschen, die hier einmal gelebt haben.